Gedanken zum Evangelium des 2. Adventsonntags, Markus 1,1-8

06.12.20

„Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, Gottes Sohn. Wie geschrieben steht beim Propheten Jesaja – Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bahnen wird. Stimme eines Rufers in der Wüste…“

Schlicht und einfach, ja fast nüchtern und ziemlich unspektakulär beginnt Markus sein Evangelium von Jesus Christus, Gottes Sohn. Und doch ist dieser Anfang tiefgründig, das Wesentliche ins Licht rückend und vor allem ganz an die prophetische Tradition anknüpfend.

Es beginnt nicht in komplizierten Familienverhältnissen, nicht mit philosophischen und theologischen Nachdenkprozessen über das Zueinander des ewigen Wortes und der Menschwerdung des Gottes Sohnes. Es beginnt nicht in Nazareth und auch nicht in Bethlehem, dem Bethlehem, das uns in den verschiedensten Erinnerungen kindlicher Erzählungen und Krippendarstellungen romantisch mit Hirten, Schafen, Engeln und Königen ausgeschmückt vor Augen gestellt ist. Es beginnt aber auch nicht in Jerusalem oder auf dem Berg Zion, wo die Herrlichkeit Gottes im Tempel wohnt und die Gesetze Gottes gelehrt und ausgelegt werden.  

Es beginnt in der Wüste; Ort schonungsloser Offenheit, ungeschminkter Leere und einer zutage tretenden Verletzbarkeit. Es beginnt vor den Toren der Stadt Jerusalem,draußen in den stillen Weiten. Es beginnt mit der Stimme eines Rufers hinein in scheinbare Trostlosigkeit. „Bereitet den Weg des Herrn! Mach gerade seine Straßen!“ Hinter der Stimme wird eine Person sichtbar, Johannes der Täufer. Er zieht viele an und sie machen sich auf den Weg zu ihm hinaus in die Wüste, um sich ihrer selbst gewahr zu werden. Dort draußen, wo sich nichts mehr verstecken lässt, schaffen sie es,ihre Sünden zu bekennen. Sie folgen seinem Ruf. Die Gräben und Täler der alten Kränkungen werden aufgeschüttet, die schier unüberwindbaren Berge der eigenen Schuld und die Hügel der Selbsttäuschungen werden eingeebnet. In der Wüste entsteht eine gerade Straße, ein gebahnter Weg für den Herrn. „Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn“ (Jes 40,5); und plötzlich ist man nicht mehr draußen in der Orientierungslosigkeit, sondern mit Freudenrufen findet mansich wieder im Inneren der neuen Stadt Jerusalem. „Siehe, da ist euer Gott. Siehe, Gott, der Herr, kommt mit Macht“ (Jes 40,10); das sehnsüchtige Warten hat ein Ende und die Begegnung mit dem Herrn wird möglich. Die Wüste wird zu einem blühenden Garten, der verheißene Trost wird Wirklichkeit.

Dorthin, wo man sich traut von den gewohnten Wegen auszubrechen, wo man sich schutzlos der eigenen Existenz aussetzen muss, ruft uns die Stimme des Johannes. Sie ruft uns hinein in das trockene Land unserer Seele, die innere Wüste. Dort sollen wir dem Herrn einen Weg bahnen. Dort dürfen wir alles wegschaffen, was sein Kommen aufhält, damit auch in uns nach sehnsüchtigem Warten der Garten der Begegnung mit dem Herrn aufblühen kann. Damit auch in uns Weihnacht werden kann, Menschwerdung.  Das ist dann der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, Gottes Sohn, in unserem Leben.